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Artikel in der Zeitschrift ´ÖBV aktiv´, Sommer 2002, anlässlich der Einzelausstellung von Arbeiten von Elisabeth Sula im Atrium der ÖBV, Wien 2002. Eröffnungsrede von Prof. Angelica Bäumer:

Nach der so aufwühlenden wie meditativen Musik, die wir eben gehört haben, fühle ich mich als Eröffnungsrednerin eigentlich fast überflüssig, weil diese Musik musikalisch das ausgedrückt hat, was Elisabeth Sula malt. Beiden Künstlern, dem Musiker und der Malerin geht es nicht um Unterhaltung oder Dekoration, sondern um die Sinnsuche, und jeder, auf seine Weise, will zeigen, dass jeder Mensch eine ganz individuelle Aufgabe auf dieser Welt hat. Es geht um das Wachstum der Seele, um die Wahrnehmung von Außen und Innen, um das Nicht-Getrenntsein, und um den Blickwinkel, der die Verbindung herstellt.

Elisabeth Sula ist seit vielen Jahren oft monatelang in Indien und ihr Leben dort ist eines des Sammelns, nicht nur von Erlebnissen und Eindrücken, sondern auch von Erfahrungen ihrer Seele und ihres Wissens. Und wenn sie diese Ausstellung 'The Ocean within' nennt, dann meint sie, dass der Ozean als Bild der Unendlichkeit in jedem von uns ist. Wir sind die kleinen Wellen, die an diesen Ozean grenzen, die aber auch diesen Ozean bewegen. Elisabeth Sula ist bewegt worden durch Indien, denn was ihr dort möglich ist und was wir im Westen schon fast verlernt und verloren haben, ist eine Hingabe an Inhalte, an seelisches Gestimmtsein, an Symbole, an Riten. Wir sind zwar überfüttert mit Bildern, von Persil bis MacDonalds, aber wir haben die Symbole des Lebens und die Symbole der Religion vergessen und die Spiritualität in eine modische Esoterik gedrängt. In Indien ist all das noch lebendig, jede Bewegung im Tanz, jedes Zeichen in der bildenden Kunst hat einen Sinn, hat eine jahrtausendealte Tradition, und dass Elisabeth Sula diese Riten und Zeichen nicht formal übernimmt, sondern ihren Inhalt aufspürt und sie verwandelt in ihre eigene Kunst, das ist das, was an ihr so besonders ist. Sie malt nicht 'indisch'. Das einzige, was vielleicht indisch ist, das ist ihre Freude an der Farbe. Vielleicht ist die Farbe auch ein Symbol, für Leben, für Noch-am-Leben-sein, für Überleben überhaupt.


Neben der Farbe spielt in Elisabeth Sulas Kunst der Raum eine wichtige Rolle. Und wenn sie auch nicht den Dschungel selbst malt, so sind es doch dschungelartige Formen, in die sie uns führt. Auch wenn es keine Bäume sind, keine verwilderten Pflanzen oder verwuchertes Gestrüpp, so sind es aber die geistigen Räume, der Urwald der Seele, der Regenbogen und der Raum in ihr – in uns. Wir sind berührt von dieser Poesie und Klarheit und wir erfahren, dass Kunst auch etwas Heilendes haben kann. Sie weiß von Menschen, die mit ihren Bildern leben, dass sie das Empfinden haben, von diesen Bildern geht Kraft aus, heilende Kraft.


Wir haben in unserer westlichen materialistischen Welt etwas Wesentliches verlernt: das Hinhören auf die kleinen heiligen Momente, in denen uns bewusst wird, dass wir nur ein kleines Teilchen auf dieser großen Welt sind, aber, dass wir eins sind im Ganzen des Universums. Dieses 'Sein' ist ein langer und prozesshafter Weg, der ein Leben lang währt, und auch das Malen ist prozesshaft, das 'Dahinter' will erarbeitet werden. Ein Gedanke, eine Idee, ein Traum, eine Erinnerung, alles muss heraus und ins Bild, gefiltert und reduziert, aber mit hoher Konzentration und künstlerischem Anspruch. Und weil das nicht auf einem einzigen Bild möglich ist, so arbeitet Elisabeth Sula manchmal an sechs/acht Bildern gleichzeitig, es ist wie ein Sich-ausschöpfen. Sehr viel Unbewusstes ist in dieser Art von Malerei, daher ist auch der Moment, wo die Malerin erkennt, dass das Bild fertig ist, ein geheimnnisvoller und nicht rational erklärbar. Das Bild ist fertig, wenn all das ausgedrückt ist, was ihr wichtig war, seelisch, künstlerisch, gedanklich und formal. Dann geht sie an das nächste Bild, und wieder ist es eine weiße Leinwand, von der sie sagt, dass sie immer ein bisschen Angst davor hat, bis ein Strich gezogen ist, eine Farbe gesetzt und sich das Bild aufbaut. In Farben und Räume.

In den Bildern von Elisabeth Sula drückt sich eine kreative und empfindsame Persönlichkeit aus, die schon viel in ihrem Leben getan und Verwandlungen in ihrer Kunst erfahren hat. Sie hat experimentiert und immer wieder neue Versuche gemacht, den Inhalten, die ihr wichtig sind, Ausdruck zu geben. Ich glaube nicht, dass diese Bilder das Ende ihrer Entwicklung sind, dazu ist sie zu jung und zu mutig, und dazu ist sie zu neugierig auf sich und auf das Leben. Auch wenn es seit vielen Jahren Indien ist, so hat das Leben sicherlich noch vieles zu bieten, das sie sehen, erfahren und nutzen wird. Ich glaube, dass dieses Nützen und Benützen und Gebrauchen immer einen spirituellen Hintergrund hat. Keinen esoterischen in diesem kitschigen Sinn, der leider heute auch so um sich greift, sondern in jenem geistigen Sinn, den wir ersehnen und brauchen, und der sich in Indien bis heute erhalten hat. Dass sie das spürt, dass sie das aufspürt, dass sie das mitteilt, ist ein Geheimnis und führt zu ihren Bildern, die dieses Haus in eine Farbenpracht verwandeln.


Dr. Hauf hat schon gesagt, dass ihn das freut, und uns freut es auch. Die Bilder geben dem Raum eine neue Dimension, und vielleicht gibt es viele Leute, die das hier sehen, die nur zufällig hereinkommen, um sich eine Versicherung zu holen oder sich zu besprechen, und dann etwas erleben, das sie vielleicht ein bisschen still macht, und vielleicht neugierig, mehr zu erfahren von Kunst, von Licht, von Farbe und letztlich von der Künstlerin Elisabeth Sula.


Elisabeth Sula lässt den Farben ihr freies Leben, aus der Farbigkeit ergeben sich Konturen, Trennlinien, die der Betrachter gerne überschreitet – auf dem Weg ins Bild.

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