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Aus dem Katalog ´KUNST IM ÖBV - ATRIUM ´ 2005,
Interview von Eva Enichlmayr mit Elisabeth Sula:

Ihre spirituelle Sinnsuche hat die Wiener Künstlerin Elisabeth Sula nach Indien geführt, wobei „Indien“ hier für eine Exotikerfahrung steht, wie sie wohl auch Gauguin in der Karibik und andere vor und nach ihm erlebt haben. In intensiv leuchtendem Magentarot, Orange oder einem azurnen Blau beschwören ihre Bilder die tropische Leuchtkraft jener Sonne herauf und künden von einer üppigen Vegetation ferne den kalten Ländern Europas. Ihre stetige Auseinandersetzung mit westlichen und fernöstlichen Denk- und Handlungstraditionen – Elisabeth Sula studierte neben Malerei an der Universität für angewandte Kunst in Wien auch Philosophie – wurzelt in einer Sehnsucht nach Bewusstheit und Authentizität. Ihre jüngste Serie „Healing Room“ führt folgerichtig auch in imaginäre (Seelen-)Räume, welche dieser aufmerksamen Bewusstheit auf das Selbst gewidmet sind und in denen man „wandeln und sich nähren“ (so die Kunstvermittlerin Andrea Überbacher) kann.


Dieser (Indien-)Reise ins Selbst verdankt sie eine Expansion ihrer Bilder und (Seelen-)Räume sowie eine in manchen Bildern geradezu rauschhafte Explosion ihrer Farbgebung.



Im Rahmen der Ausstellung in der ÖBV im Jahr 2002 haben Sie eine Serie speziell für das Atrium gemacht. Was hat Sie an diesem Raum besonders fasziniert?

Beeindruckt haben mich die Lichtsituation, das von oben kommende Licht und die Positionierung der nach oben strebenden Pfeiler. Ich wollte mit meinen Bildern in der Energie dieses Raumes, die dieser Ausrichtung nach oben folgt, mitschwingen.

Wenn man Ihre älteren Kataloge durchblättert, fällt die starke Veränderung im Laufe der Jahre auf. Wie würden Sie selbst Ihre künstlerische Entwicklung charakterisieren?

Bis Mitte der 90er-Jahre habe ich neben der Malerei und der Fotografie sehr viele experimentelle Materialbilder und Objekte gemacht, vorwiegend plastische Arbeiten mit Papiermaché auf Leinwand und auf Drahtgitter. Papiermaché sieht aus wie Gips, ist aber leichter, nicht so zerbrechlich und lässt sich wie Ton bearbeiten. Sehr viele meiner Arbeiten waren damals in Weiß gehalten, ich nannte sie meine Zen-Serie. Es war mir wichtig, eine Spannung mit reduzierten Mitteln auszudrücken, vor allem mit Licht und Schatten.

Weiße Arbeiten – im Vergleich zu den Bildern, die Sie bei uns ausgestellt haben, da sind doch Welten dazwischen?

Ich habe parallel zu meinen weißen Arbeiten auch eher monochrom gehaltene Bilder gemalt. Die zunehmende Intensität des Farbeinsatzes ist eigentlich durch meine Reisen, vor allem nach Indien, entstanden. Wie hat sich Ihre Beziehung zu Indien entwickelt? Durch meine spirituelle Sinnsuche; ich hatte ein intensives Bedürfnis, einen Abstand zu meinem damaligen Leben zu schaffen und etwas Neues zu beginnen. Beeinflusst hat mich u. a. die Lektüre eines indischen Meisters, eines Philosophen und Literaturprofessors aus Nordindien. Seine Texte haben mich tief berührt und ich begann mich für die indische Kultur zu interessieren. Ich habe mich bei meinen Indienaufenthalten immer reich beschenkt gefühlt – von allem, vom Land, der Kunst und Kultur sowie von den Begegnungen mit den Menschen. Seit 1995 bin ich regelmäßig in Indien. Und ich habe das Gefühl, dass je mehr ich meine eigene Seele ergründe, meine eigene Tiefe kennen lerne und in mir neue Räume eröffne, desto mehr entwickeln sich in meinen Arbeiten neue Bildräume.

Innere Landschaften – passt das als Thema für Ihre Bilder?

Vielleicht eher Seelenlandschaften, Seelenthemen. Es geht mir immer um geistige Inhalte, die mich aktuell sehr beschäftigen und die ich dann in Serie visuell umsetze. Ich arbeite immer an mehreren Leinwänden zugleich und jedes Bild besteht aus vielen übereinander liegenden, großteils lasierenden Acrylschichten.

Was beschäftigt Sie aktuell?

Ich habe heuer ein „Kunst-am-Bau-Gemälde“ im Bildungszentrum des Innenministeriums in Traiskirchen realisiert, bei dem ich mich auf eine Textpassage aus dem Tao Te King von Laotse beziehe. Dessen Weisheit, 600 Jahre v. Chr. geschrieben, empfinde ich als zeitlos gültig. Bildung beinhaltet für mich neben dem Erwerb von Wissen immer auch eine Kultivierung des Herzens. In dieser Arbeit habe ich Farben und Symbole sehr bewusst eingesetzt, während sie in anderen Bildern rein intuitiv einfließen.

Wie ist der Einsatz von Farben und Symbolen in der aktuellen Serie „Healing Room“?

In dieser Serie assoziiere ich innere Räume, in denen man wandeln kann, um sich zu nähren und zu regenerieren. Andrea Überbacher verwies dazu auf Nomadenvölker, die ihre Teppiche als „Ersatzgärten“ in der Wüste mit sich führen. Die Bilder haben für mich bewusst einen orientalischen Charakter, das darin enthaltene florale Element ist eine Metapher für das innere Blühen, die Entwicklung des eigenen Potenzials. Die rechteckige Anordnung der Ornamente kreiert einen geschützten Raum für Entfaltung und Entwicklung.

Sie beschäftigen sich sehr stark mit philosophischen, spirituellen Themen – schreiben Sie auch?

Ich habe parallel zum Kunststudium Philosophie studiert. Aber was mich an der Malerei so fasziniert, ist eben, mit einem Bild etwas zum Ausdruck zu bringen, was jeden unmittelbar berührt, unabhängig von Nationalität oder Sprache. Es ist eine andere Ebene als das Lesen und wirkt direkt auf das Unbewusste des Betrachters. Trotzdem finde ich für die künstlerische Positionierung die stete geistige Auseinandersetzung – auch mit politischen und ökologischen Themen – eminent wichtig.

Sie haben eine beeindruckende Fülle an Ausstellungen gemacht – was macht Ihren Erfolg aus? Oder anders gefragt, würden Sie sich selbst als erfolgreiche Künstlerin bezeichnen?

Das hängt davon ab, woran man den Erfolg misst. In meinen Augen bin ich erfolgreich, wenn es mir gelungen ist, die Essenz meines inneren Anliegens in meinen Arbeiten authentisch umzusetzen! Ich bin glücklich, dass ich vom Verkauf meiner Arbeiten leben kann. Und es bedeutet mir auch sehr viel zu erfahren, wie Leute sich an meinen Bildern freuen und dass sie den Menschen Kraft und Energie geben. Ein erfolgreiches Leben bedeutet für mich in erster Linie einen Reifungsprozess zu größtmöglicher Bewusstheit und Eigenverantwortung.

Wie lange sind Sie schon als freie Künstlerin tätig?

Eigentlich immer schon. Ich habe während des Studiums an der Universität für angewandte Kunst begonnen auszustellen und wollte auch nie etwas anderes als Kunst machen. Wobei ich in meiner Ausdrucksart aber nie so fixiert war auf eine Möglichkeit, ich könnte mir auch vorstellen, wieder fotografisch zu arbeiten oder mit Video. Mir ist es wichtig, die Themen künstlerisch umzusetzen und transparent zu machen, was mir innerlich ein Anliegen ist. Sie haben schon in sehr vielen Ländern gelebt – macht es für Sie einen Unterschied, wo Sie arbeiten? Ja, ich habe unter anderem in Paris, in Italien und immer wieder in Indien gelebt. Es entstehen einfach andere Bilder, wenn man inmitten einer anderen Kultur lebt. Paris ist ein großartiger künstlerischer Nährboden, voll von multikulturellen Eindrücken und Angeboten. In Italien fühle ich mich zu Hause, liebe die Schönheit des Landes und bin verzaubert von den reichhaltigen Schätzen alter Kunst. In Indien genieße ich vor allem den dortigen spirituellen Reichtum, die bunte Vielfalt an orientalischem, exotischem Flair und Ambiente, Kunst und Kultur.

Inwieweit ist die Natur wichtig für Sie?

Für mich ist die Natur der Lebensraum, in dem ich am meisten Kraft tanken und mich energetisch nähren kann –neben dem ästhetischen Reichtum. Aber visuelle Inspirationsquellen sind für mich zum Beispiel auch die bunten Saris der Frauen, die Märkte und die Tempelanlagen Asiens. Die Farbeindrücke dort sind wesentlich intensiver als hier, von der Kleidung über die Architektur bis zur Natur. In unserer westlichen Zivilisation ist der Umgang mit Farbe viel reduzierter. Grau und Schwarz dominieren sicher nicht zufällig in einer konsumorientierten, sinnentleerten Welt.

Welche Unterschiede haben Sie bei Ihren Auslandsaufenthalten bezüglich der Position der Künstlerin in der Gesellschaft und des Umgangs der Gesellschaft mit Kunst im Vergleich zu Österreich erlebt?

Ich empfinde die kollektive Mentalität in Österreich leider häufig noch als sehr reaktionär – was die Achtung und den Respekt für sich und andere betrifft. Dies zeigt sich vor allem in hierarchischen Strukturen. Unter seelisch kultivierten Menschen sind meiner Erfahrung nach Warmherzigkeit und Offenheit selbstverständlicher Ausdruck persönlicher Würde.


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