Anlässlich der Einzelausstellung von Arbeiten von Elisabeth Sula im Atrium der ÖBV, Wien 2002

Die Überfülle von Bildern und Informationen erschlägt uns täglich aufs neue und wir haben schon fast verlernt uns auf die Botschaft zu konzentrieren und das Wesentliche vom Beliebigen zu trennen. Auch die Kunst hat sich in den letzten Jahrzehnten allzu oft dem Lauten, dem Aggressiven und Plakativen verschrieben. Es muss stets eine Sensation sein, wenn der Künstler überhaupt noch Aufmerksamkeit erringen will.

Genau das aber will Elisabeth Sula nicht. Sie geht in eine innere Welt, auch wenn sie sie mit kraftvollen Farben und durchaus dekorativ darstellt. Es geht der Künstlerin um die individuelle Sinnsuche, und sie will erinnern, dass jeder Mensch eine spezifische Aufgabe auf dieser Welt hat. Es geht ihr um das Wachstum der Seele, um den Zusammenhang von Aussen und Innen, um das Nicht-Getrenntsein, und um den jeweiligen Blickwinkel, der die Verbindung herstellt. The ocean within so der Titel einer Bilderserie, weist auf die Unendlichkeit in uns, das nie Endende, sich stets Erneuernde, das Göttliche, von dem in jedem von uns etwas angelegt ist. Indien wurde für sie zu einer geistigen Heimat, die Jahrtausende alte Tradition gibt ihr Kraft und das bunte Leben färbt sozusagen buchstäblich auf ihre Bilder ab. Distanz und Nähe ist ihr wesentlich und sie fährt nicht als Touristin nach Indien, sondern als eine Vertraute, die aus der räumlichen Distanz die innere Nähe erfährt, das uralte Wissen spürt und in sich und ihre Kunst aufnimmt.

Es ist nicht nur die Farbe, die an ihrem Werk fasziniert, es ist die Räumlichkeit. Auch wenn sie keine Räume malt und keinen Dschungel, es sind raum- und dschungelartige Erfahrungen, wo Räume sich öffnen und erschliessen, so dass wir eintreten können in diese Welt der Phantasie. Darin sind wunderschöne regenbogenartige Objekte, der Urwald unserer Seele, der geheimnisvolle Dschungel, den wir immer schon gesucht haben, in den Märchen unserer Kindheit und den Träumen unseres Alltags. Es ist der Raum in uns, und das ist wie ein Versprechen. Elisabeth Sula zeigt uns diese seelischen Räume in einer Deutlichkeit und einer Poesie, in einer Klarheit, dass wir berührt sind davon, weil sie auch etwas Heilendes haben. Sie weiss von Käufern oder von Menschen, die mit ihren Bildern leben, dass sie das Empfinden haben, von diesen Bildern geht heilende Kraft aus.

In einem Land wie Indien werden dem an Mc Donalds Symbole gewöhnten Westler die wahren Symbole wieder bewusst, und wer sich auf sie einlässt, zu erfahren und zu lernen bereit ist, der erkennt, dass jede Fingerbewegung, jede kleinste Geste im Tanz oder in der Kunst eine lange Tradition hat, die sich aus der Tradition der heiligen Riten nährt und wie selbstverständlich in den Alltag übergegangen ist.

Das Eins-Sein mit dem Göttlichen in und um uns, versteht Elisabeth Sula als den Ausgangspunkt unserer Existenz und den Sinn unseres Daseins. Jeder von uns ist ein kleines Stück des Universums – ich behaupte, die Künstler erfahren dieses Geheimnis des Seins, zeigen es uns und machen Erkennen möglich. So entsteht eine sinnliche Ausstrahlung der Bilder, möglich geworden durch die Hingabe an die eigene spirituelle Sinnsuche.

Für Elisabeth Sula ist, wie für die meisten Künstler, jede weisse Leinwand ein Neuanfang, als hätte es noch kein Bild vorher gegeben und als käme keines mehr danach. Malerisch eher expressiv, sind für sie Licht und Farbe die grosse Anziehung, aber auch der Raum, der durch die zahlreichen Schichten entsteht, die den Betrachter hineinziehen ins Bild, in jene Ebene, die Elisabeth Sula erfahren hat und die sie mitteilen will, und künstlerisch formulieren muss. Der Raum ist vertieft, als würden viele Räume hinter- und übereinander liegen, sich gegenseitig bedingend und aufhebend, immer wieder neu bildend und immer tiefer wirkend. Man geht in ihren Bildern in eine Tiefe der Empfindungen, der Ideen, der Träume, der Sehnsüchte. Für die Künstlerin und wohl auch für den sensiblen Betrachter werden sie in ihren Bildern real.

Bei ihren Aufenthalten in Indien entstehen vor Ort eher kleine Bilder, es ist mehr ein Sammeln, erst in Wien im Atelier kommen die grossformatigen Bilder. Sie malt nicht indisch, sie begegnet der indischen Tradition aber mit grosser Offenheit und eignet sich das an, was sie mit ihrer eigenen Tradition verbinden kann. Das einzige, was vielleicht indisch ist, ist ihre Freude an der Farbe, die sich in dem ganz besonderen Licht in eine Kraft verwandelt, die malerisch ist, aber auch rituell. Das erfährt jeder, der jemals Inderinnen in ihren Saris oder Filme über Indien gesehen oder gar dort gelebt hat, und er weiss, dass die Farbigkeit selbst bei den ärmsten Menschen eine wichtige Rolle spielt. Vielleicht ist auch die Farbe ein Symbol, ein Symbol für Leben, für Noch-am-Leben-sein, für Überleben überhaupt.

Anlässlich einer Ausstellungseröffnung von Arbeiten von Elisabeth Sula spielte ein Musiker auf seiner Bassgeige eine sehr inspirierende Musik. Eine aufwühlende Musik, weil sie in ihrer Essenz etwas vermittelte, was ich Stille nennen möchte und weil in dieser Musik das klang, was Elisabeth Sula malt. Sie sieht das, was sie in Indien erlebt, als ein Stück Unendlichkeit und wenn sie eine Serie Ocean within nennt, dann meint sie, dass der Ozean als Bild der Unendlichkeit in jedem von uns ist. Wir sind die kleinen Wellen in der Ewigkeit des Ozeans, die Wellen, die diesen Ozean bilden und diesen Ozean bewegen. Die Malerin ist durch Indien bewegt worden, wo sie seit vielen Jahren immer wieder für Monate lebt. Ihr Leben in Indien ist ein Sammeln, nicht nur des Sammelns von Erlebnissen und Eindrücken, sondern auch eine Widerbegegnung mit ihrer eigenen Seele, ihres Gemüts, ihrer Erfahrungen und ihres Wissens. Auch ist ihr dort eine Hingabe an die Dinge möglich, die wir hierzulande schon verlernt haben. Diese Hingabe an Inhalte, an seelisches Gestimmtsein, an Symbole, an Riten, die der Westen weitgehend verloren hat. Wir sind zwar überfüttert und überfüllt von Bildern, von Werbung bis Politik, aber wir haben die Kraft von Riten und Symbolen vergessen – die Symbole des Lebens und die Symbole der Spiritualität. Indem Elisabeth Sula diese Riten erlebt und erkennt, aber die Zeichen nicht als Dekoration übernimmt, verwandelt sie sie in Malerei. Auch wenn sie das alles sehr ernst nimmt, will sie nicht bekehren, ihre Bilder sind lediglich ein Angebot an den Betrachter, seine eigenen Assoziationen zu finden, das Bild für sich zu beenden, oder immer wieder neu zu sehen.

Ich glaube, dass wir in unserer westlichen praxis- und konsumorientierten Welt neben vielen anderen Dingen auch verlernt haben Hinzuhören und Wahrzunehmen - weniger die grossen, weltbewegenden, sondern die kleinen, ja, die bescheidenen Momente, in denen uns bewusst wird, dass wir nur ein kleines Teilchen auf dieser grossen Welt sind. Und wir erkennen, dass wir Eins sind mit dem Ganzen, das offensichtlich ein grösseres Gewahrsein gedacht hat, das wir sein sollen oder sein können. Dieses Sein ist ein langer Weg, ein prozesshafter Weg. Auch die Malerei ist ein prozesshafter Weg. Ein Bild malt sich nicht von selbst, und wenn Elisabeth Sula auch spontan malt, so arbeitet sie doch konsequent und seriell. Weil die Inspirationen, die Ideen, die Eingebungen, die Empfindungen heraus und ins Bild gesetzt sein wollen. Das bedarf ganzer Serien und bedeutet, dass sie meist an mehreren Bildern gleichzeitig arbeitet, es fließt durch sie auf die Leinwände, bis diese fertig sind. Sicherlich ist dieses es ein wesentlicher Moment, weil in ihrer Art von Malerei sehr viel Unbewusstes enthalten ist. Sie gliedert die Bilder durch Räumlichkeit, gibt ihnen Licht und Farbe und erzählt geistige Inhalte.

Wenn wir richtig hinschauen lernen und verstehen, dass sich hier eine Seele ausdrückt, eine sehr kreative, eine, die schon unglaublich viel in ihrem Leben gemacht hat und auch unglaubliche Verwandlungen in ihrer Kunst erfahren hat; ich habe sie kennen gelernt, da hat sie Papiermachéreliefbilder gemacht, und das ist viele Jahre her, seither hat sie experimentiert und immer wieder neue Versuche gemacht, um den Inhalten, die ihr wichtig sind, auf die Spur zu kommen. Ich glaube nicht, dass die jetzigen Bilder das Ende ihrer Entwicklung sind, dazu ist sie zu jung und zu mutig, und dazu ist sie zu neugierig auf sich und auf das Leben. Auch wenn es im Moment Indien ist und das seit vielen Jahren, dann hat Indien sicherlich auch noch vieles zu bieten, das sie sehen, erfahren und nutzen wird. Ich glaube, dass dieses Nützen und Benützen und Gebrauchen immer einen spirituellen Hintergrund hat. Dass sie das spürt, dass sie das aufspürt, dass sie das mitteilt, ist ein geistiges und künstlerisches Geheimnis, und es führt zu ihren Bildern, die jedem Raum eine neue Dimension geben und die den Betrachter vielleicht nachdenklich machen und still und neugierig mehr zu erfahren von Kunst, von Licht, von Farbe und letztlich von Elisabeth Sula.

Prof. Angelica Bäumer
Kulturjournalistin und Autorin
Wien, April  2002

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