Der Weg ist weit und wird doch nah

In der Kunst einzigartig zu sein, unverwechselbar und authentisch ist nicht einfach.

Die Globalisierung der Welt hat viele Schattenseiten – in der Wirtschaft, der Politik, der Ökologie, selbst in der Kunst. Weil zu Vieles austauschbar geworden ist, in allen Himmelsrichtungen kann man Gleiches, oder zumindest Ähnliches sehen. Der eilige Reisende findet überall das gleiche Hilton, er muss nicht einmal die heimische Küche kosten, überall gibt es Schnitzel und Burger.

Die Globalisierung hat aber auch Vorteile. Das Reisen ist einfacher geworden, die Distanzen sind scheinbar geschrumpft, auch wenn Indien immer noch einige tausend Kilometer entfernt ist. Schon einmal, in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts war die Sehnsucht nach dem Osten gross und trieb die Menschen Europas sowohl aus religiösen als aus philosophischen Gründen in die geistige Welt des Ostens, China, Tibet, Indien. Die grossen alten Kulturen, ihre Kunst, ihre Poetik, ihre Philosophie, selbst ihre Architektur, wie die Idee des Atriums, wurden zum Ziel vieler Künstler und Denker. Sekten, wie Mazdaznan beispielsweise, aber auch die Chassidische Welt wurden gierig aufgenommen und wurden teils wieder verworfen, aber auch zur Hoffnung des geistigen Abendlandes, das sich die Kraft aus dem Morgenlande zu holen versuchte, von dort, woher die Kultur einst kam. Dass diese Sehnsucht nach den Quellen des Denkens nicht gestillt wurde, dass es unzählige Missverständnisse gibt und Fehlinterpretationen, ist traurige Realität. Aber es war eine Hoffnung. Und die ist geblieben. Diese Sehnsucht nach den geistigen und spirituellen Quellen. Immer wieder machen sich Menschen auf, diese geistige Welt zu finden und zu ergründen. Ja, sie sich anzuverwandeln.

Warum erwähne ich diesen Zwiespalt der Moderne? Weil die Künstlerin, über die hier geschrieben wird, aus dieser Sehnsucht eines erweiterten Horizontes kommt. Nicht weil es ihr in Europa nicht gefallen würde, sondern weil sie weiß, dass Europa nicht die Quelle ist, die sie sucht. Und sie findet diese Quelle seit Jahren schon in Asien, in Indonesien, Burma, Thailand, besonders aber in Indien. In einem Land das noch immer voller Geheimnis ist, das sich erst langsam erschließt und auch nur dem, der sich einlässt auf das Andere, das Fremde. Es bedarf großer Geduld und Hingabe, auch die Fähigkeit das Pittoreske vom Inhaltlichen zu trennen, um das zu erkennen, dem Geheimnis näher zu kommen und sich selbst zu entdecken. Dann, und nur langsam, legt sich das bloß, was in einem selbst angelegt ist und was zum Vorschein kommt beim Anblick und Eintauchen in diese an sich fremde Kultur. Dann kann diese Begegnung zu einer Art Initiation, ja, zu einer Erleuchtung werden.

Elisabeth Sula ist viele Jahre und oft für mehrere Monate nach Asien gereist. Sie hat sich ihrer Sehnsucht hingegeben, und ihr Suchen nach dem Fundament ihres Lebens, aber besonders für ihre Kunst, war nicht einfach. Das Erkennen der eigenen Möglichkeiten und die Fähigkeit eine wesentliche Erweiterung von Seele und Geist zuzulassen, bedeutet, dass man Loslassen muss. Sich befreien von Modellen und Traditionen der Welt, in die man nun mal hineingeboren wurde und aufgewachsen ist. Es geht um nichts weniger, als darum, sich leer zu machen, wie es im Zen heisst „den Mittelpunkt des Lebens zu finden“, das Bewusstsein soweit als möglich auszuschalten und sich ganz dem Moment der Stille hinzugeben. Dann, so meinen die Zenmeister, entsteht erst das wahre Leben.

Elisabeth Sulas Malerei ist gegenstandslos, auch abstrakt, wenn man so will. Aber es liegt doch in jedem Bild ein Objekt, auch wenn es verborgen ist in den Farben und dem Rhythmus. Es sind weniger Figuren oder reale Objekte, eher in Form gebrachte Themen und Inhalte, die sich in ihren Werken ausdrücken. Elisabeth Sula macht es sich nicht leicht, weil alles, was sie sagen will, in ihr ruht und mehr und mehr ans Licht kommt, oder, besser gesagt, auf die Leinwand. Jedes Bild ist ein eigener Prozess, der von Innen nach Aussen drängt und Gestalt annimmt. Selbst wenn sie in Zyklen arbeitet, ist doch jedes Bild autonom, trägt einen selbstständigen Gedanken, der sich entwickelt aus dem immer tieferen Eindringen in die geistige und kreative Materie. Die Arbeiten entstehen in einer Art inneren Stille, wie sie durch Meditation kommt und durch Loslassen allzu oberflächlicher Gedanken und alltäglicher Mühen.

Nie noch hat sich Elisabeth Sula sozusagen „gedankenlos“ an ihre Arbeit gemacht. Manchmal waren ihre Arbeiten dekorativ und hatten Muster, aber zunehmend wurden die Bilder einerseits strenger, andererseits luftiger und offener. Überschwänglich in der Farbe, lässt Sula ihnen mutig freien Lauf, grosse Flächen lässt sie auch schon mal frei, öffnet damit jeder Assoziation Raum und bietet das Bild dem Betrachter zur Interpretation. Er soll sich aneignen auf seine Weise, was sie erkannt hat auf ihre Weise.

Was bei den Arbeiten der letzten Jahre besonders auffällt ist die grosse Geste, die vielleicht aus der Grösse der Leinwand kommen mag, aber auch aus der künstlerischen Kraft, mit der Elisabeth Sula an das Bild herangeht. Ungeniert, frei und fließend ist die Fläche, hell, luftig und aufgebrochen. Nichts ist eingesperrt, alles hat seine Freiheit und darf sich in aller Grosszügigkeit ausbreiten und den Raum bestimmen, ja beherrschen. Es ist, als würde jedes Bild nicht nur eine neue bemalte Leinwand sein, sondern eine neue Welt. Erfrischend und ungewöhnlich, ausufernd und ungeniert lässt Elisabeth Sula der Emotion freien Lauf und hält sich nicht auf mit technischen oder formalen Kriterien irgendeiner Schule oder Lehre. Aber gerade weil sie in allen Techniken des Westens und Ostens geschult ist, kann sie sich völlig frei dem Bild hingeben. Das Bild entsteht nicht weil sie malt, sondern indem sie malt.

„Es malt“ hat mir einmal ein berühmter Künstler gesagt, weil Kunst zu machen weniger mit Intellekt als mit Emotion und Hingabe zu tun hat. So wird jedes Bild ein Stück ihrer Person, aber jedes Bild erweitert auch ihr Bewusstsein und lässt sie Bild um Bild malen, „wie man in einem Buch eine Seite umblättert“, wie sie selbst sagt. Es gibt keinen Bruch zwischen Bild und Bild, auch, oder gerade weil, jedes Bild völlig selbstständig ist. Sicher und souverän hat die Künstlerin das gefunden, was letztendlich alles zusammenhält: das Überwinden des Bruches, weil Leben und Kunst Eins werden in der Überwältigung der Aporie und aller Missverständnisse. So wachsen in der Kunst von Elisabeth Sula West und Ost zusammen in der Schönheit ihrer Bilder.

© Angelica Bäumer

September 2014

 


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